Shortstory

Veith Yäger freut sich, Ihnen den neuen Hausverlag „exholz“ vorzustellen.
Viel Freude bei der ersten Geschichte „CranCan“
Text & Illustration Stella Schiffczyk

C R A N C A N

Frühling

AN DIESEM MÄRZTAG

„Das ist dann Kunst oder was?!“ „Ich streite mit dir nicht über Viktor. „Ich wollte dich nur ein bisschen provozieren.“ entschuldigte sich Maren. „Mir knallen ständig irgendwelche Pseudofachidioten - Galeristen Arbeiten ihrer neuesten Zöglinge vor die Nase. Ich habe das alles so satt! Der eine weckt seinen Mittelstrahl ein, der andere sprüht überambitionierte Stancels auf alte Ölgemälde – das ist doch alles nichts Instinktives. Dekonstruktivismus hebt sich früher oder später selbst auf. Irgendwie ist alles plastik, alles ist so feige und so berechnend, möchtegern provokant.“ „Art derives from artificial, baby!“
Maren fuhr Meredith durch den ungestylten Irokesen. Beide blickten verstohlen auf ihre leeren Teller, auf denen eben noch Penne all‘ Arrabiata dampfte. Maren nahm die letzte Chilischote zwischen die Finger und tippte sie mit der Zungenspitze an. Meredith schielte auf eine blonde Haarsträhne, die ihr im Gesicht hing. Maren überlegte, ob sie sich die Strähne gleich mit dem Handrücken aus dem Gesicht wischen würde und lächelte, als Meredith die unverwechselbare Geste machte. „Viktor redet nicht. Mit niemandem. Mit mir schon gar nicht. Ich glaube, er ist komplett asexuell.“ „Weil er nicht auf dich steht, oder was?“ „Hast du was gesagt?! Wenn er eine Idee für ein Projekt hat redet er tagelang kein Wort. Ich kriege dann eine Einkaufsliste und bestelle Pigmente – wie für seine letzte Performance oder palettenweise H - Milch. Heute haben Heiner und ich Gips besorgt – du hast ja auf den Fotos gesehen was er damit vor hat.“ „Achso die, wo ihr ihn mit Gips eingespachtelt habt?!“ Meredith nickte. “Er schließt sich vorher an einen EKG - Monitor an der mit einem Beamer verbunden ist und seinen Puls auf seinen Körper projiziert. Wenn der Gips abbindet entsteht Wärme und es wird stickig und eng in seinem Kokon. Ihn fasziniert die Angst, die im Menschen aufkommt, wenn er seinem eigenen Körper nicht mehr traut, wenn er mit ihm eingesperrt ist. Er hofft, dass sich das in der Projektion abzeichnet.“ „Und das Ende der Performance?“ „Viktor lässt sich fallen und seine Schale zerspringt.“ „Wiedergeburt!“ „So in etwa.“
„No‘ eine Espresso fur die Signorine?“ Fabrizio kam mit der Rechnung an den Tisch.

Die ersten Sonnenstrahlen in diesem Jahr. Gesichter reckten sich mit geschlossenen Augen genießerisch gen Sonne. Es war noch sehr kühl an diesem Märztag, doch die Winterstarre der Stadt mit den gewohnt nassgrauen Straßen wirkte wie verwandelt.

Der Espressoduft öffnete Meredith‘ Augen. Sie warf ihren Biscotto in das kleine Tässchen, wartete bis er komplett aufgeweicht war und trank den Espresso in einem Zug aus. Maren blickte verständnislos in die zurückbleibende Bröckchenpfütze.
„Ich muss los, aber wir sehen uns ja nachher. Gleich gibt‘s ein Meeting über den Themenschwerpunkt der nächsten Ausgabe. Vielleicht Gipsmetamorphosen?!“ Meredith lächelte, machte sich auch auf den Weg und dachte an Viktor, der gerade in einem Meer aus Kabeln saß und damit beschäftigt war den alten EKG  - Monitor mit dem Beamer zu verbinden.

Viktor

Viktor war bekennender Autodidakt. Seinen Lebenslauf schmückten bereits Ausstellungen in Mailand, New York, Tel Aviv, Salzburg und Phuket – doch das Abitur und die Ausbildung zum Bühnenbauer hatte er abgebrochen.
Er fühlte sich wie ein Hirsch auf dem Stadtring, wenn ein Abgabetermin oder Prüfungen seinen Arbeitsrythmus bestimmten. So zog er damals für sich die Konsequenzen und ging den verworrenen Pfad, dem er instinktiv folgte, weil sich die Richtung richtig anfühlte.
Gerade als er sich für den ersten Testlauf die Dioden anklebte trat Meredith ins Atelier. „Wie kommst du voran?“ Viktor blickte auf aber antwortete nicht.
„Wenn du mich nicht mehr brauchen solltest würde ich für heute Schluss machen.“ Darauf muss er reagieren – dachte Meredith – wo sie doch gerade erst aus der Pause kam. Viktor ließ seinen Blick streifen und nickte. So ging Meredith ohne ein weiters Wort.
Auch wenn sie seine Umgehensweise mit seinem Team nur allzugut kannte würde sie sich nie an sie gewöhnen können. Sie versuchte immer wieder eine freundschaftlichen Draht zu ihm zu finden, doch musste sich immer wieder mit einer distanzierten Reaktion abfinden.
Viktor verlangte ihr viel ab, wenn sie seit Monaten kein freies Wochenende mehr verbringen konnte und den Workflows ihres Chefs geschuldet keine geregelten Arbeitszeiten kannte. Es hatte einige Zeit gedauert bis sie, trotz der Unregelmäßigkeit eine Routine in die Abläufe bekam. Sie kannte jetzt die Gesichter von vielen Lieferanten, war mit den Galeristen per du und ging in Archiven ein und aus.
Viktor nahm mit seinen Arbeiten Bezug auf Medizingeschichte, Psychologie oder die Menschwerdung im Allgemeinen – so zierte seinen rechten Unterarm eine biotechnische Zeichnung, die optisch den Knochenbau durch Kabel und Platinen ersetzte. Meredith faszinierte die Zeichnung, weil sie sie so lebendig wirkte, wenn seine Muskeln und Adern die Kabel zum Zucken brachten und sie geradezu darauf wartete, dass ein Kontrolllämpchen aufblinkte. Sie würde Viktor so gerne kennenlernen. Richtig. Nicht wie die Journalisten es taten, wenn sie ihn nach Intention und Hintergrund fragten, sondern welches sein Lieblingsbuch oder welches Brausepulver nach dem Schwimmengehen sein liebstes war. Wissen, was nicht jeder wusste. Doch nicht jeder lässt sich kennenlernen.
War seine Introvertiertheit vielleicht auch nur Teil von einem Konzept? Auch so ein antrainiertes OCD-Ding wie die anderen Künstler es auslebten die sie im Laufe der Zeit kennengelernt hatte?

Die Wohnungstür klemmte wieder einmal und gab ein ächzendes Knarren von sich als sie Meredith aufsperrte. Ihr Mitbewohner war nicht da, doch seine Anlage suggerierte ausgelassene Gesellschaft. 15:00 Uhr – der Tag war noch jung, doch ihre Antriebslosigkeit ließ Meredith wünschen, dass heute ein Wintertag wäre, der sie nicht in Erklärungsnot brachte zu Hause bleiben zu wollen. Dieser sommerliche Tag aber wirkte wie ein Werbespot für „Carpe Diem“.

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Maren blickte wehmütig durch‘s Fenster – sie saß inmitten angespannter Kollegen in einem Meeting, bei dem sich in amerikanischer Manier alle duzten und die geradezu befohlene lockere Atmosphäre sie zu nerven begann. Sie könnte jetzt im Biergarten um die Ecke sitzen – der meteorologisch gut informiert war und sofort eine sommerliche Stimmung in die Nachbarschaft gebracht hatte. Gläserklirren und Kiesrascheln bestimmte die Kulisse.

Retrospektiven. Im Mai würden sechs Museen der Stadt Retrospektiven kuratieren; so fiel der Entschluss der Redaktion deutlich aus. Maren durfte sich mit ihrem Lieblingskollegen Paul um den Martin - Gropius - Bau kümmern. Ein Video - Installationskünstler würde dort mit seinen umfangreichen Arbeiten vertreten sein. Ihre Freundin Meredith nahm sie zu solchen Gelegenheiten stets im Schlepptau – sie entdeckte immer kleine Details, die Maren wohl nie bemerkt hätte. Meredith war für ihre Artikel immer eine Bereicherung.
Schon früh wurde sie sensibilisiert auf kleine aber wichtige Akzente, dass viele Arbeiten welchen Genres auch immer mit Zitaten spielten und aufeinander aufbauten. Meredith kannte diese Zitate.

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Meredith‘ Vater Thomas Weigl war Amerikaner und arbeitete in New York als Werbekomponist. Ihn immer wieder im Konflikt mit seinem Gewissen zu sehen lehrte Meredith trotz der Pflichten niemals den eigenen Prinzipien untreu zu werden.

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Aus Prinzip wollte sie auch nicht klein beigeben und sich von Viktors unterkühlter Art abweisen lassen. Sie zog ihre Cowboyboots an in denen sie sich immer siegessicher und kampfeslustig fühlte – eine gute Kombination. Meredith beschloss doch noch einmal zurück zum Atelier zu fahren und Viktor Gesellschaft zu leisten.

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Das Meeting war beendet und Maren verließ mit Paul den Raum. Beide würden sich sofort mit der Biografie des Videokünstlers auseinander setzen. Damals auf der dOKUMENTA hatte Maren den Künstler für sich entdeckt und freute sich, sich näher mit ihm auseinander setzen zu dürfen. Paul war das Thema völlig egal, Hauptsache Maren war begeistert.
Paul hatte Journalismus mit Nebenfach Kunstgeschichte studiert. Da er leider keinerlei künstlerische Fähigkeiten besaß, aber schon immer kunstvernarrt war, hatte er sich in den Kopf gesetz sich wenigstens das Hintergrundwissen anzueignen.

Paul und Maren gingen damals in den selben Kindergarten und hatten sich, obwohl über zwanzig Jahre seit dem vergangen waren sofort wiedererkannt. Die Freundschaft war ab der ersten Sekunde besiegelt.
„Gehen wir für die Recherche raus? Ich muss in die Sonne!“ Paul nickte bestimmt. „Dieses Agenturgehabe geht mir gerade auch wahnsinnig auf den Zeiger.“ Maren klemmte sich ihr altes Netbook unter den Arm und schon verließen sie den Verlag in Richtung Sonne.
„Nein, guck! Die Sonne verschwindet schon hinter den Dächern!“ „Süße, es ist März.“ Schorschs Biergarten war dennoch unbeirrt voll besucht.

Astra

Meredith hatte Viktor ein Astra - Bier mitgebracht und saß nun strategisch unbeteiligt auf einem Palettenstapel und schrieb einen Brief an ihren Vater.
Sie hatte Viktor bei ihren Sozialstudien ihn betreffend schon oft Astra trinken sehen – er hatte zum Dank ganz hinreißend gelächelt – schon allein dafür hatte es sich gelohnt zurück zu kommen.

Das Briefenschreiben hatten sich Meredith und ihr Vater trotz des Emailkontaktes beibehalten – in Briefen fühlten sie sich einander viel näher wenn sie ihre Handschrift erkannten und kleine Skizzen das Beschriebene untermalte. Meredith war wohl der einzige Mensch auf der Welt, der die Schrift ihres Vaters entziffern konnte – seine Schrift war wie Chiffren, die nur sie zu dechiffrieren im Stande war.

Dosen

Neben Geheimschrift beschäftigte sich Thomas Weigl gerade mit einem Jingle für einen Energydrink mit Cranberrygeschmack. „Cran Can“ – „How stupid is that? I don‘t wanna know how it tastes. If I‘m lucky it doesn‘t glow in the dark.“ Thomas starrte die matt - schwarze Dose mit den glänzenden roten Beeren an und versuchte sich in das Gefühl eines durstigen Draufgängers zu versetzen, der den absoluten Kick suchte.
Schon lange wurde in der Werbung kein Produkt, sondern ein Lebensgefühl verkauft. Lebensgefühl aus der Dose. Er öffnete die Dose und sofort entströmte ihr der synthetische Geruch von Beeren. „It‘s kind of an adventure.“ Er nahm einen Schluck. Erstaunt stellte er fest, dass der Energydrink gar nicht so schlecht schmeckte und einen Erfrischungseffekt konnte er dem Getränk nicht absprechen. Mit diesem Überraschungseffekt musste er unbedingt arbeiten – die Melodie musste erst vor sich hin klimpern, ganz im Hintergrund und dann, zeitgleich mit dem Öffnen der Dose seinen Höhepunkt erreichen und in einem griffigen Gitarrenriff münden. Er kam sich wie ein Stummfilmpianist vor, wenn er die Musik auf einen Werbefilm einspielte.

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Unter den Brief skizzierte Meredith Viktor im Kokon und lud ihn ein zur Vernissage Anfang Mai zu kommen. Sie hatten sich schon viel zu lange nicht mehr gesehen. „Souveräner Zeichenstil!“ Erschreckt blickte Meredith in die Richtung der Stimme über ihre Schulter direkt in Viktors wache Augen. Betont langsam faltete sie den Brief und steckte ihn in das bereits adressierte Kuvert. Hoffentlich hatte Viktor nicht bemerkt wie unangenehm ihr seine Entdeckung war – natürlich hatte er sich erkannt. „Das Bier war genau das Richtige eben.“ Meredith lächelte, doch sie wusste nicht wie sie mit der unerwarteten Ansprache umgehen sollte. „Das hatte ich gehofft. Bei einer Blockade brauche ich immer etwas, dass mich auf andere Gedanken bringt und meinen Kopf neutralisiert.“ „Blockade.“ „So meinte ich das nicht. Eher…“ „Ich versteh‘ schon. Das wahr eine sehr nette Idee von dir, danke.“ „Meine Freundin macht heute Abend eine WG - Party. Das bringt einen auch auf neue Ideen – hast du vielleicht Lust zu kommen?“ Meredith stellte lächelnd fest, dass das bereits die längste private Kommunikation zwischen ihnen beiden war. „Das kann ich leider noch nicht genau sagen. Ich treffe nachher den Financier meiner ersten eigenen Ausstellung. Pière ist nur für zwei Tage in Berlin und er möchte sich unbedingt mit mir treffen und von den laufenden Projekten unterrichtet werden. Das bin ich ihm schuldig, aber ich danke dir für die Einladung.“ Meredith schrieb ihm Marens Adresse auf den Kassenbon vom Astra - Bier. „Vielleicht ergibt sich ja für dich noch die Gelegenheit vorbei zu kommen. Oder bring doch den Financier - Pière einfach mit?!“ sie reichte ihm den Zettel. „Guck‘ nicht so, der heißt wirklich Pière. Ja mal sehen. Ich war schon ewig nicht mehr feiern. Ich komme zu nichts mehr seit ich wieder in Berlin bin. Ist Maren die Freundin aus dem Verlag?“ Meredith war erstaunt – woher wusste er das? Sie hatte nie das Gefühl, dass er ihr zuhörte, geschweige denn sich das Gesagte merkte.
Mit ihrem Irokesen, dem Liftboy - Jacket und Cowboyboots war Meredith‘ Äußeres nicht gerade als gefällig zu bezeichnen. Die Wenigsten nahmen sie als nachdenklich wahr, auch nicht, dass sie als äußerlich exzentrische Person einen introvertierten Charakter hatte. Meredith hatte des Öfteren schon befürchtet, dass Viktor sie für aufgesetzt halten würde, dass sie ihn durch ihr Äußeres abstieß.

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Maren und Paul liefen gerade über den raschelden Kies des Biergartens als Pauls Handy klingelte – wo sie denn bleiben würden. Den restlichen Weg brachten sie wie Büßer hinter sich. Im Verlag angekommen mussten sie sich von ihrem Art - Director eine Belehrung anhören die Maren stark an den Ausgang einer geheimen Nachtwanderung auf einer Klassenfahrt in den Harz erinnerte, nur, dass ihr Vorgesetzter nicht so aufgelöst wirkte wie Frau Olsziewski damals. Paul und Maren ließen die Unterredung über sich ergehen und ihre Blicke verrieten sich gegenseitig, dass beide die Situation als überzogen und bevormundend empfanden.
„Schön, dass uns Dirk Dramaqueen davon unterrichtet hat, dass Außenrecherchen von nun an gestrichen sind. Zum Glück ist gleich Wochenende und unsere Feier.“„Ich komme erst um elf, aber dafür bringe ich Melone mit Parmaschinken mit.“ sagte Paul unnötig entschuldigend.
Maren übertrug die Informationen über den Videokünstler die sie mit Paul gesammelt hatte und ging nach Feierabend die letzten Besorgungen für die Party machen. Ihre beiden Mitbewohnerinnen waren schon mitten bei den Vorbereitungen als sie heim kam und freuten sich, dass Maren ausnahmsweise einmal nichts bei ihrem Einkauf vergessen hatte.
Eine halbe Stunde später klingelte Meredith an der Tür und kam ganz aufgeregt die Treppe hochgerannt. Maren wusste sofort, dass Viktor hinter ihrer guten Laune steckte. „Das Eis ist gebrochen, Maren!“ „Schneide du die Tomaten für den Panzanella und erzähl‘!“

Meredith und Viktor hatten für das Wochenende das Atelier in Ordnung gebracht, weil Viktor für den nächsten Tag eine Atelierführung angesetzt hatte. Meredith würde sich hierbei um den Empfang kümmern und Sekt ausschenken.
„Und? Kommt er nachher auch?“ fragte Maren. Meredith zuckte mit den Schultern.
Schon bald darauf brummten die Bässe und die ersten Kontakte knüpften sich am Panzanellasalat.

Maren und Meredith hatten die Füße auf die Balkonbrüstung gelegt und nippten an ihrem Caipirina. „Habt ihr einen Themenschwerpunkt gefunden?“ „Gipsmetamorphosen sind es widererwartend nicht geworden.“ beide lachten und genossen die Intimität trotz der Feiergäste. „Wir werden uns wohl mit Retrospektiven beschäftigen. Kannst du dich noch an den Videokünstler mit den Porzellanschwänen erinnern?“ „Fabio Bianco, klar! Seine Arbeiten waren aber auch dekonstruktivistisch, meine Liebe.“ „Wie auch immer! Bianco kommt jetzt im Mai nach Berlin und Paul und ich werden darüber schreiben. Du bist schon gebucht!“ Meredith strahlte.
„Hey ihr Rapunzeln, lasst mal euer Haar herunter!“ Maren linste über die Balkonbrüstung. „Prinz Paul! Nehme er mit der Treppe vorlieb.“ Maren schlitterte mit ihren Wollsocken über‘s Parkett zwischen den Partygästen hindurch und öffnete die Tür. „Komm rein.“ „Muss ich die Schuhe ausziehen?“ „Ja, es gibt Pantoffeln für alle. Quatsch! Kannst du anlassen.“ Meredith kam dazu und umarmte Paul als dieser fragte:„Wo hast du denn deinen Viktor gelassen?“ Meredith warf Maren einen affektiert grimmigen Blick zu. „Aber Paul, schön, dass du endlich da bist – Maren hat schon ganz sehnsüchtig auf dich gewartet.“ Maren gab Meredith einen schmatzenden Kuss auf die Wange: „Ich steh‘ auf quit pro quo.“ Beide begleiteten Paul in die Küche um die Ersten an der Parma - Melone zu sein.

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Thomas Weigl war mit seinem musikalischen Ansatz sehr zufrieden und gönnte sich eine Mittagspause. Er ging in die großzügig ausgestattete Wohnküche und machte sich ein Sandwich: Toast mit Tomaten und Mayonnaise. Diesen Snack hatten sich Thomas und Meredith früher immer heimlich zubereitet, weil Mrs Weigl von dieser zahnlosen Kalorienbombe nicht viel hielt – sie lebte jetzt aber mit einem neureichen Börsianer in Soho.

Thomas hatte sich schon zu Beginn seiner Kariere ein Studio in ihrer gemeinsamen Loftwohnung in Brooklyn eingerichtet. Er arbeitete lieber von zu Hause aus, weil die kreativen Phasen keine Rücksicht auf reguläre Arbeitszeiten nahmen.

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Das hätte Viktor wahrscheinlich sofort unterschrieben. Gerade zog er das Rolltor seines Ateliers ins Schloss als es hupte – Pière stand winkend in der Einfahrt. Er hatte noch nie bei seinen Leihwagen gespart. Viktor strich über das Mahagoni - Furnier und machte es sich im tiefen Beifahrersitz bequem. Sie fuhren zum Gendarmenmarkt zu Lutter und Wegener und bestellten zwei Mal Wiener Schnitzel.
Pière erkundigte sich wie jedes Mal wenn sie sich trafen nach Viktors finanzieller Situation. Viktor konnte nicht klagen, seine „Floating Pigments“ hatten den Nerv der Zeit getroffen. „Wir sind zwei Monate damit aufgetreten. Im Januar war die Spree komplett zugefroren, so brauchten wir die Floße nicht und konnten direkt auf‘s Eis. Mit Pigmenten hatte ich vorher noch nie gearbeitet – das sah so irre aus, wie wir im bunten Nebel getanz haben. Die Zuschauer kamen im Anschluss selbst auf‘s bunte Eis und haben mitgemacht – die Stimmung war unbeschreiblich!“

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Zurück im Studio ließ Thomas noch einmal seine ersten Samples laufen. Die digitalen, starren Gitarren bereiteten ihm jedoch Magenschmerzen, und so rief er für die weiteren Schritte seine Freund und Berufsmusiker Bert Mc Farley mit ins Boot. Mit ihm hatte er viele Projekte erfolgreich umgesetzt. Berts Fingerfertigkeit überzeugte jeden Kunden und würde auch dieses Mal verkaufsfördernd sein. Thomas schätzte an ihm jedoch mehr seine Zuverlässigkeit und die Fähigkeit sich schnell auf ein Konzept einlassen zu können.

Bert hörte sich Thomas‘ Entwurf an und nippte an einem „Cran Can“. „It needs to be warmer, dude. This black can is like clubloungy, you know. So we need a smooth baseline and afterwards a tight guitar. Like that…“ Bert imitierte die Bassphrase auf seiner Gibson. Selten hatte Thomas einen solch kompetenten Kollegen erlebt. Was Bert spielte hatte Substanz. Thomas war es schon beinahe unangenehm, dass er nichts an Berts erster Idee auszusetzten hatte. „Bert, this is just perfect!“ aus Bert ertönte ein bescheidenes Brummen – das schätzte Thomas außerdem. Viele seiner Kollegen glänzten durch Busy - Attitüden. Sie profilierten sich in ausgeschmückten Phrasen aus denen Thomas ein brauchbaren Produkt zaubern musste und am Ende musste er sich die Lorbeeren mit ihnen teilen – dieses Mal waren es Cranberries und mit Bert teilte er sie sich nur zu gerne.

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Auf der Party wurde mittlerweile ausgelassen getanzt. Maren band sich ihre Haare zusammen um ihren Nacken zu kühlen. Sie tanzte zu allem Tango während Meredith die Freistil - Variante wählte. Paul war überrascht, dass Maren so betörend tanzen konnte, doch dass sie sich nicht führen ließ wusste er sofort und hätte es davon abgesehen auch nicht gekonnt. „Mit ihrem Dutt sehen ihre Bewegungen jetzt noch viel graziler aus. Findest du nicht auch?“ aus den Augenwinkeln sah Paul ein zustimmendes Nicken seiner neuen Bierbekanntschaft. „Ich darf mir bloß nichts anmerken lassen. Mir darf heute nichts rausrutschen, dass in irgendeiner Form unsere Freundschaft gefährden könnte.“ „Und ihr arbeitet zusammen?“ fragte jetzt der Neue. „Ja. Wir waren sogar im selben Kindergarten und haben uns jetzt im Verlag wiedergetroffen – das ist doch Schicksal, oder?“ „Was heißt schon Schicksal? Letztlich ist jeder für seine Entscheidungen selbst verantwortlich.“ „Hast du eine Freundin?“ „Nein, habe ich nicht, aber wie soll ich sagen… mein heimlicher Schwarm tanzt da hinten mit deiner Maren.“ Meredith? Wirklich? Ich weiß nicht, Dith ist cool aber eben auch zu cool – weißt du, was ich meine?“ „Ich glaube, du unterschätzt sie da. Meredith ist wahnsinnig einfühlsam und herzlich. Ich hatte am Anfang auch einen anderen Eindruck gehabt, ich dachte ich kenne solche Punkweiber, aber Meredith ist anders. Sie muss sich nicht durch Weiblichkeit definieren. Das finde ich wahnsinnig sexy.“ „Dann auf die Mädels!“ Paul hob auffordernd sein Glas. „Sag mal, wie heißt du eigentlich?“ „Viktor.“

Sommer

VERSCHACHTELT

Über allem lag ein feiner Film. Sägespäne krochen in jede Ritze. Tassen mit kaltem Tee standen vor der heißen Kanne. Am Teppichmesser Grafitstreifen vom Anspitzen seines Bleistiftstummels. Dieser oval; er würde nie vom Gerüst rollen hatte sein Vater erklärt. Der Bleistift lag nicht gut in der Hand – doch gerade diese Unangepasstheit machte den Stift zu seinen ewigen Begleiter. Viktor liebte seine groben, dunklen Striche. Diese begegneten sich nun an den Fugen.

Das Konstrukt war zu einer inneren Haut des Raumes geworden. Spöde zeichneten sie den Türrahmen und jeden Winkel des Zimmers ab. Aus ihr verzweigten sich neue Ebenen, die den Raum gespenstisch und escheresk eine neue Größe gaben. Kein Volumen, das auf einen Blick zu erfassen war. Das Erkunden immer neuer Ecken und Schächte erweckte nur eine wage Vorstellung was sich im Zimmer verbergen könnte. Er arbeitete um die eigene Achse. Maß waren Armlängen. Ihn hatte die Idee gepackt die psychische Räumlichkeit seiner Wohnung in einem Zimmer, in einem Objekt zu bündeln. Mit der Zeit waren Schreibtisch, Hocker, Sofa und Hibiskus in das hohe, mit Stuck verzierte Wohnzimmer gewandert in dem nie die Sonne schien. Hier lag seine Matratze, lehnten Leinwände und stapelten sich Kisten mit Farbtuben und Pinseln. Terpentin.

Bretter wurden ein Element – wie aus einem Wuchs. Senkrechten und Wagerechten definierten Sitzen und Lehnen, Archivieren und Stellen. Stufen waren wie Bänke, waren Ablagen. Boten Raum für ihn. Rythmisch, wie in Trance hatte Viktor Nagel um Nagel in seine Raumkonstruktion geschlagen und stand in einem Raum aus Klang; tief, mächtig, bestimmt.
Emphatisch, ohne Skizzen hatte er diesen verschachtelten Raum aus seinem Kopf in das Zimmer übertragen – einer Blaupause gleich. Raum geworde Intuition.

Viktor las. Seine von der Arbeit stumpfen graue Hände hielten das Buch. Er saß dort wie in einem Würfel. In den Lehnen türmten sich Magazine und Bücher die dort schon ihren Platz gefunden hatten. Seine Füße lagen wie ein Spiegelbild dazu übereinander auf der Fensterbank. Sein Fuß wankte. Die rechte Achillesferse gesteckt zwischen den Zehen des linken Fußes.
Seine Hand suchte eine Tasse. Im selben Moment knackte die brüchige Glasur der Kanne unter der Feuchtigkeit. Behende entkomm Viktor seiner Konstruktion und brachte die vollen, mit erkaltetem, vom Staub trübem Tee gefüllten Tassen in die Küche und griff seinen Lieblingsbecher. Wenn er arbeitete würde er nie aus dem henkellosen, antrazitfarbenen Becher trinken um ihn vor unvorsichtigen Bewegungen zu schützen. Die Werktassen waren alle gleich, nur die Patina des Schwarztees ließ sie sich unterscheiden. Viktor goss Tee ein, dem er stets schon in der Kanne mit Milch und Honig die Bitterkeit nahm.

Er stieg zurück. Wieder spürte er das warme Licht durch seine Strümpfe und der Becher lag schwer in den Handflächen. Erst jetzt nach seinem Tagwerk fühlte er die Splitter in seiner Hand. Er wusste wenn seine Arbeit getan war. Sein Schachtelsystem war fertig. Eine Woche stand nun hölzern in seinem Arbeitszimmer. Seine Armhärchen stellten sich auf – es überkam ihn ein Schauer tiefer Zufriedenheit.

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AM WASSER

„Wo steckt Paul?“ fragte Meredith die für drei Bier und Kartoffelsalat mit Maultaschen mitgebracht hatte. ,,Der spricht jetzt wahrscheinlich noch mit unserem Creative Director. Paul sagt ihm heute, dass er im Verlag aufhören will. Dirk hat uns ja schon ewig auf dem Kieker, da hat Paul keine Lust mehr drauf.“ „Hat er denn schon die Zusage von BIITE?“ „Die suchen eigentlich einen Freelancer, aber sie wollen Paul unbedingt haben.“ „Will er sich dann selbstständig machen?“ „Wir haben ewig hin und her überlegt und wahrscheinlich ist das gar nicht so verkehrt. Er schreibt eh für mehrere Magazine nebenher, das könnte er dann endlich offiziell machen.“ Meredith schwenkte gedankenversunken ihre Flasche und die kleinen Aluminiumflocken, die sie aus dem Etikett gepult hatte, wirbelten auf. „Was denkst du gerade?“ fragte sie Maren besorgt. „Ich schlafe zur Zeit schlecht – ich bin pleite, ach keine Ahnung!“ „Hast du mal mit Viktor gesprochen? Mit dem Praktikantengehalt kannst du doch nicht auskommen!“ „Das sagt er mir auch immer, aber mehr ist bei ihm gerade nicht drin. Die Gipsaktion mit dem EKG hatte nicht die gewünschte Reaktion gezeigt und Ceri Rauh, der Herausgeber von La Con ist kommentarlos gegangen. Viktor wollte, dass Rauh ihn in seiner nächsten Ausgabe erwähnt. So wie der davongestoben ist hoffe ich, dass er das nicht vorhat.“ „Negative Kritik ist doch auch Werbung.“ „Nicht von Rauh! Der ist zwar sehr unangenehm im Gespräch, aber von ihm schreiben alle Magazine ab. Wenn er Viktor zerreist wird es ewig dauern, bis Viktor wieder ins Gespräch kommt. Wenn wir Glück haben bekommt er ein Projekt in New York in Kooperation mit dem Brooklyn Museum ot Art. Die Chancen sind leider nicht groß aber wenn es klappt wären wir für eine ganze Weile beschäftigt. Sie stellen Kost und Logie, das ist wie ein Stipendium mit Assistenz und allem drum und dran.“ „Das klingt ja spannend! Und kannst du ihm da assestieren? Um was geht es da?“ Maren setzte sich gespannt auf und kniff Meredith in die Waden. „Der Wettbewerb nennt sich „Tribute To Canvas“ und geht um moderne Adaption von klassischen Gemälden. Die Abgabe des Konzepts ist nächsten Monat und Viktor dreht sich mal wieder im Kreis.“ „Er hat wahrscheinlich immer im Hinterkopf, dass davon für euch so viel abhängt.“ „Ja, das hat er. Wenn die Idee steht ist er wahnsinnig schnell in der Konzeption, aber bis das soweit ist ist er völlig blockiert. Ich habe ihn diese Woche noch gar nicht gesehen, keine Ahnung wo er steckt. Er geht auch nicht an sein Handy. Sein Schreibtisch im Atelier ist auch unberührt seitdem.“ „Ich hatte mich schon gewundert warum du jetzt jeden Tag in der Trattoria warst.“ „Lucia und Betty sind im Urlaub und Marco ist krank, da hat es Fabrizio nicht gestört, dass ich diese Woche jeden Tag im cane aufgetaucht bin und gekellnert hab.“ „Keine Fragen?“ „Keine Fragen. Das kennt er ja schon von mir.“

In der letzten mauen Auftragslage bei Viktor hatte sich Meredith in Marens und ihrem Stammrestaurant „cane di strada“ vorgestellt. Fabrizio kannte sie seit Jahren als Gast. Sie hatten sich oft unterhalten und sympatisch gefunden und so sagte er auf seine unkonventionelle Art ja auf Merdiths Anfrage hin. Sie lernte schnell, stellte sich geschickt an und bestätigte Fabrizios erstes Bauchgefühl. Nun sprang sie öffter ein, wenn Not am Mann war oder sie Geld für die Miete brauchte. „Zwei Flieger – eine Klappa“ wie Fabrizio immer sagte.

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Nun saßen sie wie häufig an lauen Sommerabenden wie diesem zwischen restaurierten und halb verwitterten Tretbooten auf einer Landzunge, die normalerweise für Fußgänger nicht zugänglich war, weil sie das Land an eine Werft verpachtet hatte. Sie hatten schon immer hier gesessen und sahen sich den Verbotsschildern ausgenommen; unter einem kroch Paul gerade hindurch und knisterte mit einer Tüte Weingummis. Er hatte bereits alle weißen Gummis herausgeklaubt und reichte Maren die Tüte über die Schulter mit einem zarten Kuss auf ihr rechtes Ohr, Maren quietschte. „Habt ihr mich nicht gehört? Ich habe doch da vorne einen tierischen Lärm gemacht als ich in die Tonne gelaufen bin die wie aus dem Nichts plötzlich da stand.“ „Wir haben nichts gehört, aber wir wollen jetzt was hören! Sag‘, wie ist das Gespräch gelaufen?“ fragte Meredith und bediente sich genüsslich an den Weingummis. „Das Gespräch war eigenartig, weil wir uns erstaunlich gut verstanden haben. Ich habe zuerst meine Kündigung angemeldet und war noch etwas Kontra im Kopf, aber seine Reaktion war so unerwartet, dass das Gespräch in eine ganz andere Richtung lief. Er sagte doch tatsächlich, dass er meine Entscheidung bedauert und sie immer sehr zufrieden mit meiner Arbeit gewesen wären und gerade meine letzte Reportage sehr innovativ fanden.“ „Das sind ja wirklich ganz neue Töne! Das erste Lob, das ich von Dirk höre und dann?“ Maren und Meredith reichten Paul sein Bier und stießen gemeinsam an. „Ich erwähnte, dass unsere Beziehung ein Problem zu sein scheint und ich die Möglichkeit habe für BIITE zu arbeiten. Und dann wurde es völlig verrückt! Er erzählte mir, dass er sich seit Jahren für eine Stelle bei BIITE bewirbt, aber bisher immer abgelehnt wurde.“ „Warum erzählt er dir das? Weil du eh so gut wie weg bist?“ Paul stieß sich die Flasche an die Zähne, als er gleichzeitig ratlos mit den Schultern zuckte.

VISION

Viktor hatte die letzten Tage sägend und hämmernd hinter sich gebracht.
„Tribute to canvas“ echote unaufhörlich in seinem Kopf während sich eine Woche hölzern um ihn legte. Er durchforstete seine Erinnerungen nach einem Bild das er herauslösen könnte.
Als Kind war er begeistert von Goya – wie in Schauergeschichten tauchte er ein in die düsteren Alptraumszenarien des Malers. Und jetzt sah er ihn vor sich, den Mann mit Schrecken in den Augen, der schlichtend die Arme hebt, während er schutzlos mit seinen Mitstreitern der französischen Armee gegenübersteht. „Die Erschießung der Aufständischen“ als eine Momentaufnahme kurz bevor alles vorbei ist. Wie im Fokus die Furcht der noch Verbliebenen vor ihrer Endlichkeit und die unerschütterliche Willenskraft des Mannes im weißen Hemd, die ihn mit Würde ausstrahlt. Viktor hatte den Blick dieses Mannes nicht vergesssen seit er ihn das erste Mal sah. Nun würde seine Geschichte eine andere.
CentralPark
Da ein Klingeln, das wie aus weiter Ferne zu ihm drang. Viktor stolperte über Werkzeug im dunklen Flur, öffnete die Tür und schaute in drei erwartungsvoll blickende Gesichter.
„Wo hast du gesteckt?“ fragte Meredith und hielt Viktor einladend ein Astra hin. „Ich war hier – die ganze Zeit.“ er kickte ein Brett zur Seite, nahm die Flasche lächelnd entgegen und machte den Weg frei für seine Gäste. „Hier riecht es nach Wald!“ sagte Meredith strahlend und lief in die Richtung aus der der Harzgeruch kam zu Viktors Arbeitszimmer, die anderen folgten ihr. Im Türrahmen blieb sie stehen. Maren beugte sich über ihre Schulter. Fassungslos schauten sich die beiden an. „Hast du das alles in der einen Woche zusammengebaut? Das ist ja Wahnsinn!“ sie krochen durch einen Schacht gleich hinter der Tür zu einem Separé in dem eine Tischleuchte ihren Lichtkegel auf einen Stapel Skizzen warf. „Gemütlich hast du es hier! Sind die für New York?“ Paul deutete auf die Zeichnungen. „Ja, ich möchte gerne das Gemälde „Die Erschießung der Aufständischen“ von Goya in einer Installation umsetzen.“ Sie setzten sich alle gemeinsam um den kleinen Tisch.
„Die Spedition vorne an der Feuerwehr hat Konkurs angemeldet und ihr Lager geräumt; da habe ich mir all das Holz und Paletten besorgt aus denen sie ihre Transportkisten gebaut haben und habe angefangen dieses Ding hier zu bauen. „Soll in dieser Art auch Goyas 3. Mai aussehen? Wie willst du den Bogen spannen?“ „Vorhin ist mir ein Hammer aus der Hand gerutscht und von oben die Stiegen heruntergefallen und hier auf dem Tisch gelandet.“ Viktor fuhr mit dem Finger entlang der Schramme im Holz. „Ich stand im Innern einer Pauke. Ich war wie gelähmt. Da wusste ich wie ich es machen will. Jeder Charakter des Bildes wird eine Plattform bestehend aus Instrumenten, Schalltrichter und Verstärker, so dass sie miteinander kommunizieren können. Der Besucher kann auf jede Platform steigen und sie einnehmen, sich von ihr einnehmen lassen und wird der jeweilige Charakter des Bildes. Es wird ein akkustisches Schlachtfeld.“ Viktor zeigte Maren, Meredith und Paul seine Skizzen. Er hatte einen Plan des Central Park untergelegt und auf Transparentpapier die einzelnen Positionen der Platformen markiert. Die Aufstellung waren wie auf dem Gemälde zwei sich gegenüber stehende Fronten. Daneben eine Zeichnung der Bauten – kleine und große, mit Platz zum Sitzen und einer Aussichtsplattform. „Die Parkbesucher können dann entweder von dort oben auf den Park schauen oder Teil der Installation werden und mit den Perkussionsinstrumenten die sie dort oben vorfinden das Gemälde nachstellen und die Geschichte neu schreiben.“ „Wie verhinderst du, dass sie dort Krieg spielen?“ „Sie werden Krieg spielen.“ Viktor lehnte sich zurück und sprach mit geschlossenen Augen weiter: „Wenn das alles ist was den Parkbesuchern einfällt, dann soll es so sein. Es ist nur ein Spiegelbild.“ Meredith drehte sich den Stadtplan zurecht und betrachtete mit Heimweh seine gerasterte Straßenführung. „Hier vorne ist ein kleiner Pavillion, da habe ich mit meinem Vater früher jeden Sonntag im Sommer Schach gespielt. Wir saßen da gemütlich unter dem Blätterdach und hinter uns rauschte der Verkehr über die 59. Straße. Auf dem Weg dorthin hat uns mein Dad am Columbus Circle immer ein Eis gekauf. Der Eisverkäufer fragte uns dann jedes Mal was wir gerne hätten, dabei hatte er nur Vanilleeis.“
Viktor hatte wegen ihrer akzentfreien Sprache völlig vergessen, dass der Ort seiner Installation Meredith‘ Heimat war. All seine Emails für das Projekt mussten in Mailboxen in ihrer damaligen Nachbarschaft eingegangen sein.

Maren deckte Merdith noch zu bevor sie ging; Meredith war in der Boxenecke eingeschlafen während sich Paul, Maren und Viktor noch unterhalten hatten. Auf ihrer Wange der Abdruck des groben Holzes.

Ihr Nacken schmerzte als sie aufwachte. Vor ihr auf dem Tisch warteten ein dampfender Kaffee und ein Frischkäsebagle. „New York breakfast“ flüsterte Viktor verschwörerisch. Meredith grinste mit vollen Mund.

ANS WERK

Nach dem Frühstück riefen sie Heiner an, der eine Dreiviertelstunde später mit seinem Lada vorgefahren kam. Sie luden das restliche Holz auf und fuhren zum Atelier; dort konnten sie zum Entladen direkt bis zum Rolltor vorfahren. Heiner stapelte die Hölzer und Paletten neben Viktors Werkbank, nickte zum Abschied und brummte ein “Bis Montag“ in seinen Vollbart.

Viktor setzte sich auf seinen Hocker, hielt kurz inne und vergrub dann stöhnend seinen Kopf in seinen Armen. Er atmete tief ein und meinte: “Ich muss noch mal zurück. Ich hab was vergessen.“ Meredith ging zu ihrer Tasche und kam mit schüchternem Blick zurück. Sie legte ihm seine Skizzen vom Central Park auf den Tisch. Viktor schaute auf und bekam die aufgeregten roten Wangen, die Meredith so bezaubernd fand.

Meredith war erstaunt, wie präzise Viktor mit bloßem Augenmaß die Bretter zurechtsägte.
Drei Stunden später saßen sie mit einem Kaffee auf der ersten Plattform und ließen die Beine baumeln. Viktor zeichnete auf dem new yorker Lageplan und Meredith schrieb einen Brief an ihren Vater. Sie machte kleine schnelle Skizzen der Holzkonstruktionen und beschreib wie sie im Central Park installiert würden. „Wann ist der Abgabetermin für Goya?“ fragte Meredith während sie das Kuvert zuklebte. „In drei Wochen.“ antwortete Viktor und sah das erste Mal zuversichtlich aus.

Die folgenden Tage arbeiteten sie gemeinsam das Konzept aus und bauten kleine Modellplattformen um ihre Konstellation und Proportion zueinander zu verfeinern. Viktor dokumentierte den Entwicklungsprozess mit seiner Leica. Er wollte für die Bewerbung einen Bildband zusammenstellen. Während sie den Zeitplan für den nächsten Tag absprachen puhlte sich Merdith die Kleberreste von den Fingerkuppen und fuhr dann mit den Rad zu Maren. Viktor machte sich daran die Fotos zu entickeln.

Im hinteren Teil des Ateliers bei den Toiletten war ein schmaler, schlauchförmiger Raum, der früher einmal zwei Werkhallen miteinander verbunden hatte und jetzt nur noch als Stauraum und gelegentlich als Dunkelkammer genutzt wurde.

DAS LETZTE BILD

Meredith und Maren saßen mit selbstgemachtem Eistee und den Füßen auf der Balkonbrüstung in der Dämmerung als Meredith‘ Telefon in ihrer Handtasche brummte.
„Mein Vater hat mir eine Mail geschickt…ihm gefällt Viktors Projektidee. Ich hab‘s gewusst! Und da ist noch ein Anhang…das kann mein Player leider nicht abspielen, dann höre ich mir das später an.“ „Was hast du Thomas denn geschrieben? Hast du wieder Skizzen gemacht?“ „Klar!“ Meredith grinste „Er hat auch gleich erkannt, dass es bei unserem Pavillion installiert werden soll.“ „Und ihr habt Modelle gebaut? In welchem Maßstab denn?“ „1:100; mit Umgebung!“ Meredith breitete die Arme aus um den Umfang zu zeigen. „Die würde ich ja zu gerne einmal sehen! Zeigst du sie mir?“ Maren stellte ihr Glas ab und sprang auf „Jetzt?!“

Als Meredith das Rolltor hochschob brannte die rote Signallampe an der Dunkelkammer. „Viktor?“ sie klopfte an die Tür „Ich bin‘s noch mal. Ich wollte Maren nur kurz unsere Modelle zeigen.“ sie horchte an der Tür. Nichts rührte sich. „Mach‘ mal die Deckenfluter aus!“ rief sie rüber zu Maren und öffnete jetzt im Dunkeln die Tür einen Spalt breit. „Er ist gar nicht da, kannst das Licht wieder anmachen!“ sie lief wieder rüber zu Maren die jetzt vor dem Palettenstapel kniete auf dem die beiden den kleinen Central Park errichtet hatten. „Ist das niedlich! Mit dem Moos sieht es so echt aus.“ Sie schaute auf Augenhöhe in die Kulisse. Ein Käfer kroch eine der winzigen Plattformen hinauf. „Der erste Parkbesucher besteigt die Installation und sieht zufrieden aus.“ Meredith hockte sich neben sie. Sie beobachteten das Tier wie es sich die Fühler strich und dann an eine Kannte kroch; weiter zur nächsten Ebene flog. „Was macht Viktor jetzt noch parallel?“ und deutete auf das rote Licht? „Er macht Aufnahmen von den Modellen und hier drüben vom 1:1-Modell zur Projektbeschreibung und macht daraus ein Fotoband.“ Sie gingen rüber zur maßstabgetreuen Plattform, stiegen die Leiter rauf und setzten sich. „Ich fühle mich einerseits klein, als wäre ich auf dem Spielplatz und dann auch wieder groß, weil ich hoch über alles blicken kann.“ sie sprang nach unten „Ich find‘s genial! Das sollten wir feiern mit Penne beim cane di strada! Hast du Lust?“ „Immer!“ Meredith landete neben ihr. Ich geh‘ noch mal kurz hinter, dann können wir gleich los.“ Maren lief mit ihr nach hinten und linste in die Dunkelkammer. „Du kannst ruhig rein gehen.“ Maren betrat vorsichtig den Raum durch die Schleuse. Ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Dann sah sie die Abzüge an einer Leine hängen. Viktor hatte Makroaufnahmen gemacht, die so täuschend realistisch aussahen, als wären es Aufnahmen aus New York. Die Plattform auf der der Käfer gesessen hatte mit einer unscharfen Skyline im Hintergrund; die Ansicht der 59. Straße hatte Viktor auf einer großen Kappaplatte aufgezogen und hinten an den Paletten montiert, sodass die Kulisse mit dem Hintergrund verschmolz. Ein anderes Foto zeigte einen Hammer in gleißendem Licht, Sägespähne schwebten in der Luft. Hier ein Stapel Bretter stark fluchtend, da ein Schattenspiel der Konstruktion, das sich in einer Raumecke brach. Das letzte Foto an der Leine verstand Maren nicht gleich. Es war Holz, spöde und doch ganz weich, klar und doch nicht zu greifen. Meredith kam aus dem Bad zu ihr in die Dunkelkammer und nun betrachtete auch sie die Abzüge. Sie trat neben Maren und blickte genauso rätselnd auf das letzte Bild. „Was ist das?“ Maren drehte sich zu Meredith, hielt inne und grinste: „Rate mal!“ Meredith blickte verwirrt zurück auf das Foto. Ihr Herz machte einen Satz als sie ihre Sommersprossen erkannte.
Entwickler
Sie waren zum Restaurant rübergelaufen. Meredith war völlig überdreht. Maren stupste sie an: „So asexuell wie du sagst finde ich deinen Viktor gar nicht. Dass er dich fotografiert während du schläfst ist schon ein bisschen unheimlich.“ Meredith blickte über die Straße, wo das rote Licht durch einen Schlitz unter dem Rolltor zu sehen war. „Ja, vielleicht ein bisschen. Aber das Bild ist schön.“ „Er macht dich zum Teil seines Kunstwerks.“ Meredith wurde rot. Im selben Moment wurde das Rolltor hochgeschoben. Viktor kam zurück. Maren stand auf: „Ich zahl mal bevor sie uns rausschmeißen. Ich lad‘ dich ein.“ Meredith strahlte.
„Willst du noch mal rüber oder fahren wir ein Stück zusammen?“ Meredith trat unschlüssig von einem Bein auf‘s andere. „Ich seh‘ schon – ich fahr‘ dann mal.“ Maren klemmte ihre Handtasche auf den Gepäckträger und ließ nicht aus Meredith aufmunternd zuzuzwinkern und klingelte bevor sie um die Ecke bog.

ANHANG

So lief Meredith über die Straße und bückte sich unter dem Tor hindurch. „Was machst du denn noch so spät hier?“ fragte Viktor aus der Dunkelkammer. „Ich war eben mit Maren gegenüber im cane di strada essen und wollte noch mal an den Rechner.“ Sie fuhr ihren PC hoch und wartete bis sie ihr Mailprogramm öffnen konnte. Dann kramte sie ihre Kopfhörer aus der Tasche und klickte auf den Mailanhang. Der Player öffnete die Audiodatei. Lange hörte sie nichts, dann Kastanietten gefolgt von einem treibenden Klavier. Geigen und Trompeten. Sie nahm die Kopfhörer aus den Ohren und lief zu Viktor nach hinten. Viktor nahm die Abzüge von der Leine. Meredith bemerkte schmunzelnd, dass Viktor von hinten an begonnen hatte die Fotos abzunehmen. „Du magst zwar keine Musik bei der Arbeit, aber stört es dich, wenn ich dir kurz war vorspiele?“ „Ich hänge die hier nur noch ab, dann geh‘ ich eh. Mach‘ die Musik ruhig an.“ Meredith machte eine halbe Drehung und ging zurück an ihren Rechner. Sie lud die Datei auf einen Stick und ging damit zur Anlage und wählte dort Thomas‘ Song aus ihrem Projektordner aus. Sie stieg hoch auf auf die Plattform und wartete gespannt auf Viktors Reaktion. Sie hörte ihn mit dem Entwicklerbad hantieren. Dann blickte er auf, starrte auf die Wand vor sich und hörte konzentriert auf die Musik. Agressiv, staccatohaft antorteten sich Trompeten und Klavier. Erst ausgewogen im Volumen, dann nur noch Klavier zu vier Händen. Plötzlich eine einzelne Guitarre, zaghaft melodiös. Das Klavier konterte mit einem Echo. Forte Pedal, dann war Stille.
Viktor ließ gedankenversunken die Kunststoffzange ins Entwicklerbecken gleiten. Er hatte das Bild gehört. Seine Installation. Wie war das möglich? Er traute sich nicht sich zu bewegen. Wie Schüsse hallten die Klänge noch in seinem Ohr. Langsam trat er in die Halle zurück, blieb im Türrahmen stehen und blickte zu Meredith. „Woher hast du das?“ „Das hat mir mein Vater vorhin per Mail geschickt. Ich hatte ihm dein Goya-Projekt beschrieben. Er schrieb, dass es ihn sofort inspiriert hat das Gemälde zu vertonen.“ „Er hat genau komponiert wonach ich gesucht habe. Die Atmosphäre die er erzeugt ist..“ er ließ sich auf seinen Hocker sinken. „Er hat es verstanden; weil du mich verstanden hast.“ Meredith sah wie Viktor zitterte. Er war ganz bleich. „Du kannst es gerne verwenden.“ flüsterte sie. Sie ließ ihn einen Moment alleine und ging an ihren Rechner. Sie klickte beliebig durch Bilddateien. Sie wollte sich beschäftigen aber sah gar nicht hin. Ihr Gedanken waren ganz woanders. Sie hatte auch nicht bemerkt, dass Viktor zu ihr rüber gekommen war. Er legt seine Hand auf ihr Schulter. „Ich glaube, ich kann zwei New Yorker an meiner Seite brauchen.“

Herbst

Es war kalt geworden. Meredith zog ihren Schal bis über die Nase. Heiner hatte ihr die Post auf die Tischkannte gestellt. Ein Windstoß brachte gelbes Laub ins Atelier und wehte einen der Briefe unter Meredith‘ Schreibtisch. Sie stand auf und legte ihn zurück zur restlichen Post. Da fiel ihr Blick auf ein Paket, dass unter den Briefen lag; darauf ein verwischter Stempel der sagte: Blooklyn Museum.

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